Während der Gründung des «modernen» Schweizer Staates im Jahr 1848 zählte das Land 3'205 politisch eigenständige Gemeinden. Zurzeit sind es noch 2'636. Dies ist immer noch eine enorm hohe Zahl an Gemeinden - die höchste weltweit - in einem Land das auf so engstem Raum organisiert ist. Diese kleinteilige Organisation birgt auch Gefahren: Jede einzelne Gemeinde lobt sich mit Standortmarketing-Floskeln in den höchsten Tönen und steht in ständigem Konkurrenzkampf mit umliegenden Gemeinden um die Ansiedlung von Unternehmen und einkommensstarken Einwohnern. Natürlich erhebt auch jede - noch so kleine Gemeinde - Anspruch auf eine eigene Industriezone, womöglich noch mit eigenem Autobahnanschluss.
Dabei steckt das eigentliche Potenzial in Fusionen von Gemeinden. Vor allem eher kleinere, einwohnerschwache Gemeinden könnten durch einen Zusammenschluss ihre Position in Markt und Staat stärken und Synergien (Abfallentsorgung, öffentlicher Verkehr etc.) vertiefen. Immerhin wohnen in jeder zweiten Schweizer Gemeinde weniger als 1'000 Menschen. Bei einem Zusammengehen würden solche Kleinstgemeinden also zu einer grösseren politischen und wirtschaftlichen Kraft und könnten somit auch eine dominierendere Rolle gegenüber anderen (Gross)-Gemeinden übernehmen.
Natürlich braucht das Projekt einer Fusion - analog zu einer Unternehmensfusion - das Vertrauen der Mitarbeitenden in der Verwaltung, sowie die Akzeptanz in der Bevölkerung. Gerade in der Bevölkerung ist die Skepsis gegenüber Gemeindefusionen noch weit verbreitet. Die Studie «Sophia 2009» kam erst kürzlich zum Schluss, dass «nur» rund 30 Prozent der Bevölkerung gegenüber Gemeindefusionen positiv eingestellt sind. Bei den politischen Entscheidungsträgern sind es immerhin doppelt so viele.
Die drei Autoren Stephan Käppeli, Ivo Willimann und (mein Namensvetter) Paul Bürkler geben in ihrer Broschüre «Erfolgreiche Umsetzung von Gemeindefusionen» Gemeinden, die eine Fusion planen oder bereits begonnen haben, Handlungsempfehlungen und Erfahrungen aus der Praxis. Konkret beschreibt das Autorenkollektiv seine Erfahrungen während Zusammenschlüssen von Luzerner Gemeinden. Die Vorbereitung, Durchführung sowie der erfolgreiche Abschluss einer Fusion kategorisieren sie in fünf Phasen.

In der Phase -2 werden Abklärungen durchgeführt, mit welcher oder welchen Gemeinden eine Fusion überhaupt sinnvoll ist und ob sich diese einen Zusammenschluss auch vorstellen können. In der Phase -1 «werden die Auswirkungen der Fusion sowie der damit einhergehenden Chancen und Risiken analysiert». In der Phase 0 geht es darum «verbindliche Lösungen» auszuarbeiten, die den Einwohnern der einzelnen Gemeinden zur Abstimmung vorgelegt werden kann. Nach erfolgreicher Urnenabstimmung tritt Phase 1 in Kraft. Diese bezeichnet «die Übergangszeit nach dem positiven Abstimmungsentscheid bis zur formellen Zusammenlegung der Gemeinden.» In der fünften und letzten Phase, Phase 2, beginnt der eigentliche Zusammenschluss der Gemeinden. Hier also verschmelzen die ursprünglichen Gemeinden endgültig zu einer einzigen «neuen» Gemeinden.
Neben diesem Phasenmodell weisen die Autoren auf politische und personelle Entscheide hin. Gerade personellen Entscheiden - neuer Gemeinderat, veränderte Jobanforderungen in der Verwaltung etc. - kommt bei einer erfolgreichen Fusion eine Schlüsselposition zu. Eine offene Kommunikation gegenüber den Mitarbeitern der Verwaltung (möglicher Arbeitsplatzverlust und daher Verunsicherung bei Mitarbeitern) erachten die Autoren genauso zentral wie die Information der Bevölkerung. Käppeli, Willimann und Bürkler geben denn auch einen Tipp, wie beispielsweise mit Fusionsgegnern umzugehen ist. «Sollten von Fusionsgegnern Falschinformationen gestreut werden, ist es wichtig, jeweils prompt mit Gegendarstellungen zu reagieren». Auch bei Planungsfehlern setzen die Autoren auf eine transparente Informationspolitik. «Von Vertuschungsaktionen ist abzusehen», heisst es an einer anderen Stelle der Broschüre.
«Erfolgreiche Umsetzung von Gemeindefusionen»: Stephan Käppeli, Ivo Willimann und Paul Bürkler, ist im Verlag Rüegger (CHF: 18.--) erschienen.




